Literaturverlag 2.0

le Neue Zuricher Zeitung présente l’expérience publie.net


Un grand merci à Marc Zitzmann et Barbara Villiger : avantage de la Suisse où les trois langues se superposent... Pour la première fois, voici donc notre expérience évoquée en langue allemande.

Ci-dessous, l’article du Neue Zuricher Zeintung.

Et bienvenue aux amis germanophones de passage !

 

Literaturverlag 2.0 | Autoren-Kooperative : die Website publie.net


ein Literat ganz vorne an der elekrtonischen Front
Marc Zitzmann

 

Eine Problemdiagnose : Auch in Frankreich ist der Raum für ambitionierte, avancierte Literatur in den letzten Jahren stark geschrumpft, sowohl im Verlagswesen als auch in der Presse. Und ein Lösungsansatz : Es liegt an den Autoren selbst, der Art von Literatur, die ihnen am Herzen liegt, im Internet den entsprechenden Platz zu verschaffen. Und zwar jetzt und sofort, ohne zu warten, bis Google, Amazon & Co. auch diese Nische besetzen. So die Prämisse, von der eine kleine Schriftstellergruppe um François Bon ausging, als sie Anfang 2008 die Website publie.net lancierte. Ausgangsidee war, Dokumente und Dossiers zu bereits gedruckten Texten ins Netz zu stellen – und auch sperrige Formen und schwer kategorisierbare Inhalte . . .

Alle Genres

Rasch jedoch wuchs sich die Website zu einem richtigen Online-Verlag aus, der heute knapp 400 Titel im Katalog führt. Alle Genres sind vertreten : Romane und Erzählungen, aber auch Kurzgeschichten, Gedichte und Essays. Unter den dreizehn Verlagsreihen finden sich sogar Jugendbücher, Reiseberichte und Kriminalromane. Geplant war auch, literaturwissenschaftliche Artikel und Universitätsarbeiten zu veröffentlichen, die in gedruckter Form ja oft unauffindbar sind. Doch da wollten die Akademiker nicht recht anbeissen. Dafür führt publie.net auch Klassiker im Programm, von Balzac bis Zola. Das Gros des Katalogs bilden jedoch vergriffene oder – mehrheitlich – unveröffentlichte Werke von zeitgenössischen Autoren. Etwa zwei Drittel von diesen publizieren auch bei herkömmlichen Verlagen, manche von ihnen zählen zu den etablierten Namen der hiesigen Literaturszene – neben François Bon selbst etwa Didier Daeninckx, Régis Jauffret, Bernard Noël, Olivier Rolin, Jacques Roubaud, Martin Winckler.

Die Originalität von publie.net gründet in der Ausrichtung seines Katalogs : zugleich experimentell und in der sozialen Realität von heute verankert. Aber auch – und vielleicht vor allem – in seiner Funktionsweise. Der Online-Verlag ist eine Kooperative : durch Autoren geführt und im Dienst von Autoren stehend. Kommerzielle Erwägungen stehen völlig hintan, ins Programm aufgenommen werden Autoren, mit denen François Bon und seine kleine, informelle Equipe auf gleicher Wellenlänge sind. Während herkömmliche Verlage hierzulande Tantièmen um 10 oder 11 Prozent des Nettopreises eines Buchs zahlen (welcher Satz je nach Auflage auf bis zu 14 Prozent steigen kann), geht bei publie.net die Hälfte des Ertrags an den Autor. Desgleichen kann dieser seine Werke jederzeit aus dem Programm nehmen, sie woanders drucken, adaptieren oder übersetzen lassen. Der auf dem Prinzip der Nicht-Exklusivität basierende Standardvertrag des Online-Verlags, durch den Juristen Olivier Cazeneuve mit ausgearbeitet, ist punkto « Autoren-Freundlichkeit » jenen herkömmlicher Häuser um Lichtjahre voraus.

Die Texte werden bei publie.net professionell lektoriert und umbrochen. François Bon unterstreicht, dass immer mehr Titel spezifisch für die digitalen Medien entworfen würden. Bezüglich der Originalität der Ergebnisse darf man allerdings noch skeptisch sein – neben ganz klassischen Bildbänden und Portfolios scheint ein Werk, bei dem 140 einzelne Worte mit Wikipedia-Einträgen verlinkt sind, hier einstweilen noch das Nonplusultra zu bilden. Ansprechender ist da, dass zu manchen Texten eine Audio-Lektüre durch den Autor mitgeliefert wird. Am konsequentesten auf Multimediales setzt die mit Bild- und Klangkreationen angereicherte Online-Zeitschrift « D’ici là ».

Zukunftsweisend

Die Texte können einzeln in allen gängigen Formaten heruntergeladen werden – ihr Preis beträgt (in der EU) 2,99 oder 3,49 Euro. Es gibt aber auch zwei Jahresabonnements, die für 65 bzw. 95 Euro die Lektüre sämtlicher Titel gestatten. Grundsätzlich ist publie.net bestrebt, Lesewilligen möglichst wenige Hindernisse in den Weg zu legen. So wird zu jedem Werk ein langer, kostenfreier Ausschnitt angeboten und auf einen Kopierschutz für den kompletten Download verzichtet. Vertrieben werden die Titel nicht nur via die Homepage, sondern auch via in- und ausländische « Grossisten » wie ePagine, Feedbooks, Fnac.com oder iBookstore. Zukunftsweisend ist schliesslich das Angebot an Biblio- und Mediatheken, Kulturzentren, Universitäten usw., gegen ein geringes Entgelt das gesamte Verlagsprogramm für ihre Benutzer abrufbar zu machen – gegebenenfalls sogar von zu Hause aus ! Dank diesen öffentlichen digitalen Lesekabinetten sowie den privaten Einzelkäufen und Abonnements hat publie.net Leser in Australien, Mexiko, China oder Iran. Sie alle haben die Möglichkeit, die Texte zu durchsuchen, zu annotieren, fremde Anmerkungen zu konsultieren – und ausserdem die Antworten der Autoren auf diese Kommentare.

 

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1ère mise en ligne et dernière modification le 15 juin 2011
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